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Pflege in Zeiten von Corona

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Cornelia Bachmann

von Cornelia Bachmann,

49 Jahre, drei Kinder, zwei Enkelkinder: Ich bin eine Piratin in Offenbach, wohne seit einiger Zeit in Tempelsee und arbeite seit mehreren Jahren im Pflegeheim als Betreuerin für Demenzkranke und zusätzlich im Sozialdienst. Seit 2017 arbeite ich in den Herbstferien auch in einer Einrichtung in Hamburg für 100 Kinder. Wir machen eine ganze Woche lang Ferienprogramm, immer mit verschiedenen Themen. In diesem Jahr ist es 1001 Nacht. Ich liebe meine Arbeit und möchte mich gemeinsam mit den Piraten für die Pflege stark machen. Damit wir das erreichen, was den Menschen in der Pflege zusteht!

Pflege ist nicht nur Pflege, es ist die Arbeit mit Menschen, solche der zwischenmenschlichen Beziehung und des gütigen Herzens. Jede/r, der und die sich in dieser Arbeit engagiert – ob in der Altenpflege, in der Fürsorge für behinderte Menschen, in der Hilfe für Kinder oder kranke Menschen – tut etwas für die Gesellschaft!

Es geschieht erst seit Corona, dass die Politik die Arbeit der Pflege thematisiert und die Menschen jetzt unterstützen will. Was war vor Corona? Da hat man nicht an die Pflegearbeit gedacht, weder an die in den Krankenhäusern noch an die in Altenpflegeheimen. Ich kann mich noch daran erinnern, als sei es erst gestern gewesen, dass der Gesundheitsminister für die Unterstützung der Pflege das Wort ergriffen und gesagt hat, dass sich hier etwas ändern müsse. Seitdem ist viel Zeit vergangen. Und es hat sich immer noch viel zu wenig verändert. Wir haben mit dem Respekt der ganzen Welt auf unserer Seite etwas Positives erfahren, am Anfang war es der Applaus, mittlerweile wurde unser Tarifvertrag in kleinen Schritten verändert, wir haben auch eine Pauschale für unsere Mehrarbeit in der Corona-Zeit bekommen. Im Moment wird sogar über ein Gesetz beraten, das die Arbeit in der Pflege etwas erleichtern soll. Wir dürfen gespannt sein. Was uns außerdem geholfen hat, war die Einführung des § 150a Sozialgesetzbuch (SGB XI): Sonderleistungen während der Coronavirus-SARS-CoV-2-Pandemie.

Wie schwierig und belastend die Zeiten aber für alle Betroffenen waren, kann man sich kaum vorstellen, wenn man es nicht erlebt hat. Allein schon die Ausgangssperre in den Pflegeeinrichtungen – es durften ja kaum noch Angehörige zu Besuch kommen, weil man die Bewohner/innen schützen wollte – war sehr belastend. Das Leben war nicht mehr dasselbe! Unser Leben in der Pflege und Betreuung wurde immer komplizierter.

Die Hilfsmittel, die der Staat versprochen hatte, kamen nur schleppend an. Wir mussten unsere Masken sieben Tage lang tragen, weil wir nicht genügend hatten. Auch Desinfektionsmittel war nur sehr wenig vorhanden, und das Toilettenpapier wurde knapp, weil keines geliefert wurde. Die Lager waren leer. Mit unseren Bewohner/innen haben wir uns in einer Kreativ-Stunde hingesetzt und Toilettenpapier aus alten Zeitungen hergestellt; bei so einer Vorstellung muss man fast schmunzeln. Masken wurden sogar auf dem Schwarzmarkt gekauft, weil es im Handel keine mehr gab und wenn es doch welche gab, dann nur zu überteuerten Preisen. Das alles erinnert an Berichte aus einem Krieg und Erzählungen von der Nachkriegszeit. So kam uns die Situation vor! Die Einrichtungen brauchten dringend die versprochenen Schnelltests, aber wieder mussten wir lange darauf warten. Ihr müsst euch vorstellen, dass nur ein Teil von dem stimmt, was in den Medien erzählt wurde – tatsächlich haben wir die Tests ungefähr zwei Monate später bekommen und dann dauerte es noch einmal lange, bis geklärt war, wie sie in den einzelnen Pflegeeinrichtungen eingesetzt werden sollten. Auf die Gesetze konnte man sich nicht verlassen, weil sie täglich geändert wurden, aber auf uns musste man sich natürlich trotzdem verlassen können. Es gab einen Krisenstab, der sich täglich getroffen hat, um die Arbeit an die Forderungen der Regierung anzupassen. Da war der § 150 Absatz 3 Sozialgesetzbuch (SGB XI) ein echter Glücksfall, somit konnten wir fehlendes Personal einstellen. Nun konnten neue Helfer kompensieren, was für die Pflege allein nicht mehr zu schaffen war. Darüber sind wir sehr froh!

Gleichzeitig gab es in dieser sehr schwierigen Situation auch positive Dinge: Es wurden für Bewohner/innen Konzerte von Ehrenamtlichen und Kindern im Garten gehalten. Es gab Clowns, die vorbeikamen und unsere Bewohner/innen zum Lachen brachten. Gottesdienste wurden von allen kirchlichen Organisationen gehalten, Vereine haben Blumen für die Bewohner/innen und was Süßes für die Nerven der Angestellten vorbeigebracht und wir waren die ersten, die geimpft wurden. Mit unseren Bewohner/innen haben wir möglichst viele Feste im Garten gefeiert, einige Angebote waren zum Beispiel Spanischer Nachmittag, Modenschau, Olympiade, Geburtstagspartys, Frühschoppen und noch vieles mehr. Hauptsache, die Bewohner/innen waren glücklich! Allen, die das möglich gemacht haben (Gesundheitsamt, Bundeswehr und Ehrenamtliche), nochmals meinen herzlichsten Dank für ihr Engagement für solche Aktionen!

Viel zu kurz kamen in dieser Zeit trotzdem die Bewohner/innen, die gezwungen waren, allein zu bleiben und sehr vereinsamt sind! Zu wenig Besuch, keine Gruppenarbeit, keine Treffen mit anderen Bewohner/innen, einfach nur alleine auf dem Zimmer, das ist für niemanden gut. Zu dieser Zeit gab es zwar eine Eins-Zu-Eins-Betreuung, aber die Zeit, die jedem Bewohner gewidmet werden konnte, war viel zu kurz. Diese ständige Einsamkeit ist nichts, man verliert die Realität aus den Augen. Alle hatten Angst: ob Bewohner/innen oder Angehörige und auch wir Angestellte!

Als langjährige Kraft in der Pflege würde ich sagen, die Bewohner/innen sind nicht nur an ihren Krankheiten verstorben, nein, sondern auch, weil sie einsam waren. Wir merken das ja selbst. Viele Menschen kennen das Gefühl, wenn man an der Einsamkeit verzweifelt! Auch wenn wir versucht haben, den Pflegebedürftigen das Leben so angenehm wie möglich zu gestalten, bringt es nicht die Fülle der Menschen ins Haus, so wie es früher war.

Alle Maßnahmen, die wir in dieser Zeit getroffen haben, waren sinnvoll und sehr streng, aber ohne diese Maßnahmen hätten wir noch mehr Bewohner/innen verloren. Obwohl die Häuser jetzt wieder offen für Besucher sind, wird immer noch engmaschig getestet, Temperatur gemessen und werden Listen über Besucher geführt. Also, Sie sehen, alles wird getan, um die Bewohner/innen zu schützen.

Jetzt sind wir natürlich froh und glücklich, dass sich so langsam alles wieder normalisiert! Doch der Stress in der Pflege bleibt. Manche haben gekündigt, einige sind in den Vorruhestand gegangen und manche machen zwar ihre Ausbildung fertig, wollen aber gar nicht mehr in diesem Beruf arbeiten. Viele von ihnen fingen mit der Pflege ausgerechnet in der Corona-Zeit an und erlebten viel schwierigere und härtere Arbeit, als sie sie sich vorgestellt hatten – sie stießen an ihre Grenzen und Ängste. Nach wie vor ist es immer noch so, dass die Arbeit der Pflege zu wenig honoriert wird! Die Arbeit in der Pflege kann man mit keiner anderen vergleichen. Es gibt vieles was dafür spricht und vieles dagegen, solche Verantwortung zu übernehmen. Auf jeden Fall wird sie dringend gebraucht, ständig, denn jeder Mensch kann irgendwann pflegebedürftig werden! Wenn man das Herz am rechten Fleck trägt und sehr viel Empathie hat, ist es der richtige Job!

Und nun, wie geht es nach Corona weiter? Es hilft in der Pflege sehr, wenn die Angehörigen uns vertrauen. Auch müssen die Politik sowie die Gewerkschaften weiter für uns kämpfen. Wir wollen weiterhin Seite an Seite mit den Behörden und Ämtern arbeiten.

Was ich mir wünsche? Dass wir besser auf uns achten und gesund bleiben!

Was ich mir von der Politik wünsche? Dass sie mehr für die Pflege da ist und dass die Arbeit mehr entlohnt wird, dass der Beruf attraktiver wird!

Kommentar der Piraten Offenbach:
Pflege ist ein Thema in der Politik, das seit Jahren sträflich vernachlässigt wird. Pflegekräfte werden zu schlecht bezahlt und nicht genug wertgeschätzt. Und so bleibt dieser Beruf unattraktiv.

Nur ein Beispiel: Im Januar 2021, mitten in der Pandemie, wollte die Sana-Klinik den Pflegekräften die Zulage kürzen! Siehe hierzu unseren Kommentar

Wir PIRATEN wollen die Pflegesituation refomieren und verbessern. In unserem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2021 heißt es:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Für Pflegebedürftige, private Pflegepersonen und berufliche Pflegekräfte scheint der Artikel 1 des Grundgesetzes aber nicht zu gelten. Wer heute pflegebedürftig ist oder Menschen pflegt, findet sich in einem kranken System wieder, bei dem – wieder einmal – die Wirtschaftsinteressen einen höheren Stellenwert genießen, als die Interessen der Patienten und Pflegekräfte. Diese Situation wollen die PIRATEN ändern.“

Das Programm umfasst Reformvorschläge zu Heimgesetzen, Verringerung von Verwaltungsaufwand und Bürokratie, Soziale Absicherung von privaten Pflegepersonen, Verbesserungen der Arbeitsbedingungen für Pflegekräfte, einen wissenschaftlich fundierten Personalschlüssel, Schutz der Fachkräfte und Rechte der zu pflegenden.

(Aus dem Wahlprogramm für die Bundestagswahl 2021)

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