Soziales

Inklusion

Cornelia Bachmann

von Cornelia Bachmann,

49 Jahre, drei Kinder, zwei Enkelkinder: Ich bin eine Piratin in Offenbach, wohne seit einiger Zeit in Tempelsee und arbeite seit mehreren Jahren im Pflegeheim als Betreuerin für Demenzkranke und zusätzlich im Sozialdienst. Seit 2017 arbeite ich in den Herbstferien auch in einer Einrichtung in Hamburg für 100 Kinder. Wir machen eine ganze Woche lang Ferienprogramm, immer mit verschiedenen Themen. In diesem Jahr ist es 1001 Nacht. Ich liebe meine Arbeit und möchte mich gemeinsam mit den Piraten für die Pflege stark machen. Ein Thema, das ich auch wichtig finde, ist Inklusion.

Heute möchte ich über Inklusion sprechen. Die wenigsten Menschen haben sich damit intensiver beschäftigt, und daher wissen sie nicht genau, was Inklusion bedeutet. Inklusion heißt, dass jeder Mensch ganz natürlich dazu gehört, egal wie du aussiehst, welche Sprache du sprichst oder ob du eine Behinderung hast. Jeder kann mitmachen. Kinder mit und ohne Behinderung können zusammen spielen und lernen.

Früher war das anders: Alles, was nicht der Norm entsprochen hat, wurde weggesperrt. Früher wurden Kinder einfach in eine Schule für geistig Behinderte gesteckt, dagegen könnten sie heute mit den Kindern ohne Behinderung eine Schule besuchen und dort nach ihrem eigenen Tempo lernen.

Auch, wenn heute darauf zwar etwas mehr Rücksicht genommen wird, ist es aber immer noch zu wenig. Wir müssen alle bei uns selbst anfangen. Erst, wenn man einen Menschen so akzeptiert, wie er ist, nimmt man ihn auch als Teil unserer Gesellschaft wahr.

Ich bin in den 70er Jahren aufgewachsen, und damals wurde schon in den USA für eine volle gesellschaftliche Teilhabe aller gekämpft. In Italien gibt es seit 35 Jahren Schulen für alle. Aber bei uns war es viel rückständiger. Ich erschrecke immer, wenn ich an Menschen denke, bei denen es bis heute noch nicht angekommen ist, alle teilhaben zu lassen.

Ich kenne eine Familie, in der mehrere Geschwister gemobbt wurden. Sogar die Direktorin der Schule hat mitgemacht und mit der Begründung, sie seien alle zu „blöd“, dafür gesorgt, dass sie in eine Schule für Lernbehinderte gesteckt wurden. Die Leute müssen lernen, ihre Mitmenschen anzunehmen und nicht zu verachten. Diese Kinder waren nämlich sehr liebenswert, genauso wie andere. Eins dieser Kinder, das inzwischen schon längst erwachsen ist, hatte einen schweren Unfall, wodurch es geistig beeinträchtigt war. Aber es ist ein fröhlicher Mensch und genießt das Leben. Das andere Mädchen hatte eine körperliche Behinderung, aber als es älter war, hat es sich um querschnittsgelähmte Menschen im Rollstuhl gekümmert. Ich kenne auch einen Mann, der schon als Baby eine Behinderung hatte und dem die Ärzte gerade mal 20 Jahre gegeben hatten. Aber heute, mit 45, arbeitet er als Gärtner, zwar nicht wie ein gesunder Mensch, aber er geht gern arbeiten und ist sehr glücklich damit.

Ich denke oft an diese Kinder und Leute. Sie gehören zu den liebenswertesten Menschen, die ich kenne. Klar, auch unter Behinderten gibt es mal Streit, aber sie können auch lieben und zeigen es nicht nur in Worten, sondern auch im Tun und Handeln.

Deshalb nochmal die Bitte: Nehmt jeden so an wie er ist. Wir wissen nicht, wie die Zukunft aussieht. Jedem kann jederzeit etwas passieren, und von heute auf morgen können wir durch einen Unfall querschnittsgelähmt sein! Dann werden wir froh sein, wenn wir Menschen an unserer Seite haben, die uns so nehmen wie wir sind.

Ich habe neulich eine tolle Dokumentation über Inklusion und das Down-Syndrom (2019) gesehen. Sie hieß: „Ich bin besonders – Mein Leben mit dem Down-Syndrom“. Durch diesen Film habe ich wieder gesehen, dass die Politik in anderen Ländern viel weiter ist als in Deutschland. Wir müssen da noch viel mehr unternehmen. Ich weiß noch, wie meine Oma irgendwann mal erzählt hat, dass besondere Menschen zu ihrer Zeit kein Recht auf Leben hatten. Und sie meinte, dass die Zeit jetzt besser ist. Ja, wir haben schon viel geschafft, aber es muss noch viel mehr getan werden!

Wahlplakat für die Bundestagswahl 2021

Wie können wir Inklusion leben?

Als ich Kind war, wussten viele nichts darüber. Besondere Kinder haben sich teilweise geschämt, und andere haben sie ausgegrenzt. Aber die Besonderheit ist nicht die Schuld der Kinder oder ihrer Eltern!

Inklusion funktioniert, wenn sie im Alltag gelebt wird, am Arbeitsplatz, in der Schule, beim Sport oder im Kulturbetrieb. Nur dann wird gesellschaftliche Teilhabe aller Menschen zu einer natürlichen Realität.

Im Alltag können Kinder erfahren, was miteinander möglich ist und was einzelne brauchen. Alle Kinder sollen lernen, dass es normal ist, verschieden zu sein. Inklusion ist ein ganzheitlicher Prozess, um die Teilhabe aller Menschen möglich zu machen. Und dafür muss es Bedingungen in allen Lebensbereichen geben, also auch in der Freizeit, bei der Arbeit, in den Schulen, in der Nachbarschaft und vielen weiteren Bereichen. Inklusion betrifft jeden von uns.

Aus dem Wahlprogramm der PIRATEN zum Thema Inklusion:

Verrückt ist auch normal
Das Ziel der politischen Arbeit der PIRATEN ist eine größtmögliche Inklusion aller Menschen. Um dieses Ziel zu erreichen, beziehen wir die psychiatrische und psychotherapeutische Versorgung in unser Programm mit ein. Wir PIRATEN fordern den zielgerichteten und zeitnahen Ausbau der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung, eine inklusive Arbeitsmarktpolitik für Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen sowie eine deutliche Verbesserung der rechtlichen Situation von Menschen mit psychischen Beeinträchtigungen.

Gesundheitliche Bildung
Es besteht wissenschaftliche Einigkeit, dass Bildung und Umweltfaktoren große Auswirkungen auf die Gesundheit der Menschen haben. Wir setzen uns für die Erprobung eines Faches „Gesundheitsbildung“ in Schulen ein, das vermittelt, welche Faktoren sich positiv und negativ auf Gesundheit auswirken und wie man sie erhalten kann. Die Finanzierung des Faches soll als Teil einer Präventionsstrategie aus der gesetzlichen Krankenversicherung erfolgen. Neben der schulischen Bildung sehen wir die Notwendigkeit einer umfassenden gesundheitlichen Aufklärung als nächsten Schritt einer sozialen Inklusion von Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen. In den Fokus der Aufklärung sollen vor allem jene Krankheits- und Störungsbilder sowie Behinderungen gerückt werden, die häufig von Vorurteilen und Ausgrenzungen betroffen sind. Wir PIRATEN sehen hier vor allem die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten in der Pflicht, aber auch die privaten Sendeanstalten, Print- und Onlinemedien, ihren gesellschaftlichen Beitrag für eine wirksame gesundheitliche Aufklärung zu leisten. Besonderes Augenmerk sollte dabei auf die Vermittlung der Botschaft liegen, dass Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen ein gleichberechtigter Teil der Gesellschaft sind.

Finanzierung
Die Finanzierung des Gesundheitssystems betrachten wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Daher sehen wir in der Einbeziehung sämtlicher Bürgerinnen und Bürger in die Sozialversicherung unter Berücksichtigung möglichst aller Einkommensarten ein sinnvolles Modell zur Finanzierung dieses Systems. Wir erkennen allerdings die Einschränkungen der Wahlfreiheit in dieser Art der Finanzierung für Bürgerinnen und Bürger sowie die Anbieter privater Krankenversicherungen an und verstehen ihre Bedenken. Daher setzen wir uns für einen Volksentscheid ein, um einen gesellschaftlichen Konsens in dieser wichtigen Frage des gemeinschaftlichen Zusammenlebens zu erreichen.

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