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ST. MARTIN, ZIGEUNERSCHNITZEL UND GRÜSS GOTT

Für Offenbach sind aufgrund der Bevölkerungsstruktur alle medialen und politischen Diskussionen über Einwanderung und Kultur von besonderer Bedeutung, wie schon die beiden bedeutenden Vorfälle diese Jahr zeigten.

Begründet von einer Zeitungsente und von daran politischen interessierten Kreisen  aufgeblasen wird ein angebliches Verbot des Laternenfestes St. Martin. Eine erste gründliche Analyse der Sachlage hat Jascha Huschauer in einem Blogbeitrag geliefert, den ich hier mit seiner freundlichen Genehmigung einstellen darf.  Übrigens ist Jascha kein Pirat, er steht uns nicht einmal nahe, er gehört einer anderen Partei an.

Neben dem “St- Martin Skandal” Hintergrund, zeigt er die Mechanismen der Medienlandschaft auf, in der Stimmung und Ablenkung mehr zählen als solide Recherche.

——— Zitat des Orginalartikels ——-

Eine Zeitungsente und die Aussage eines unbedeutenden Politikers reichen um Stimmung gegen Muslime zu schüren. Die angeblich von Moslems gewollte Umbenennung von St. Martin sitzt nun für immer in den Hinterköpfen. Neben anderen Falschmeldungen.

Wenn jemand seinen Satz mit “Ich bin ja kein Rassist, aber…” beginnt, weiß man sicher: Jetzt folgt eine rassistische Aussage. Wie leicht unsere Mitbürger sich zu solchen Aussagen hinreißen lassen konnte man jüngst beobachten, als die Nachricht von der angeblichen Umbenennung eines Martinsfestes die Runde machte.

Die “Taunus-Zeitung” hatte im Lokalteil getitelt: “Mond und Sterne statt St. Martin”. Im Artikel ist dann davon die Rede, eine Kita in Bad Homburg habe ihr Martinsfest umbenannt. Grund: Man wolle “niemanden – sprich Kinder und Eltern anderer Kulturkreise – diskriminieren”. Einzige Quelle sind Eltern, deren Namen im Artikel grundlos unerwähnt bleiben. Wie unseriös diese Quellenlage ist wird dadurch deutlich, dass im Artikel der Pressesprecher der Stadt die Geschichte dementiert. Aber darüber liest es sich im Zeitalter der Online-Medien locker hinweg.

Andernfalls hätte man darauf kommen können, mal auf der Internetseite der Stadt Bad Homburg nachzusehen. Dort wird nämlich klar gestellt, wie viel tatsächlich dran ist an der vermeintlichen Umbenennung: Nichts. Der Kindergarten hat den Namen niemals geändert. Das wäre auch quatsch. Schließlich gibt es weiterhin einen “Martinsumzug” und ein “Sankt-Martins-Feuer”. Richtig ist: Der Kindergarten schludert etwas mit dem Namen. In der Tagesstätte wird häufig der Name “Sonne-Mond-und-Sterne-Fest” verwendet. Und zwar seit 1998. Der Name geht zurück auf eine Suppe, die es damals zum Fest gab. Sie enthielt Nudeln in Form von Sonne, Mond und Sternen. Offiziell wurde weiterhin zum Martinsumzug eingeladen. In diesem Jahr rutschte der Name ”Sonne-Mond-und-Sterne-Fest” wohl auf einen Elternbrief. Statt bei der Leitung nachzufragen, liefen die Eltern wohl lieber gleich zur Presse. Die Stadt erklärt in ihrer Pressemeldung, es seien “von seiten der Kita-Leitung keine Aussagen über eine ‘politisch korrekte’ Namenswahl gemacht worden”. Das Statement schließt mit dem Satz:

“Die Kindertagesstätte Leimenkaut wird auch weiter St. Martin feiern – und wenn jemand das als „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“ bezeichnen möchte, darf er das auch weiterhin tun. “

Derweil übernehmen große Online-Medien die Geschichte ohne sie zu hinterfragen und bauschen sie gleichzeitig auf. Auffällig ist, welche Medien das Thema aufgreifen. Voran gehen BildWeltFocus und das Leitmedium der Neuen Rechten Junge Freiheit. Das islamfeindliche Internet-Forum “Politically Incorrect” verbreitet die Nachricht genüsslich weiter.
Screenshot BILD.de

Bei der BILD ist nicht mehr die Rede davon, dass das Fest umbenannt wurde. Nein, es heißt nun: “Kita will St. Martin abschaffen”. Das stimmt nicht mal mit der Zeitungsente der Taunus-Zeitung überein. Noch besser als die BILD weiß es natürlich der Neusser Stadt-Kurier. Selbst die Bild-Zeitung schreibt noch, das Fest sei aus Rücksicht vor “anderen Kulturkreisen” umbenannt worden. Der Stadt-Kurier will seinem Leser bei Facebook derlei schwer zu verstehende Details ersparen. Er spricht deshalb lieber gleich von “Rücksicht vor muslimischen Kindern”.

Post Stadt-Kurier

Entsprechende Kommentare lassen nicht lange auf sich warten:

Kommentar Stadt-Kurier(1)

Aus Ausländern werden Moslems. Und Moslems sind sowieso böse. Das können gleich mehrere Facebook-Nutzer bestätigen:

Kommentar Stadt-Kurier(2)

Aus Moslems werden dann natürlich Türken. Moslems mit Deutscher Staatsangehörigkeit gibt es schließlich nicht.

Kommentar Stadt-Kurier(3)

Fun Fact: In Istanbul Karneval feiern ist kein Problem mehr.

In Deutschland St. Martin zu feiern wird für Muslime hingegen zukünftig nicht einfacher werden. Grund daran ist auch der unglaublich clevere Vorstoß des NRW-Landesvorsitzenden der Linkspartei Rüdiger Sagel. Der fühlte sich nach den ersten Berichten und dem heraufziehenden Shitstorm gegenüber Muslimen offenbar aufgefordert deren Rechte zu vertreten. Sagel, dessen Partei in NRW seit der letzten Landtagswahl nichts mehr zu sagen hat, forderte: St. Martin soll in allen Kindertagesstätten in NRW in “Sonne-Mond-und-Sterne-Fest” umbenannt werden. Grund: “In vielen NRW-Kitas gibt es muslimische Kinder. Ihnen sollte man die christliche Tradition nicht aufdrängen.”

Die Forderung des grauhaarigen Deutschen fachte den Shitstorm gegen Moslems noch weiter an. Gut gemeint ist halt nicht immer gut gemacht. Das alle Landtagsfraktionen den Vorschlag der Linken geschlossen ablehnten, spielte keine Rolle mehr. Auch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime, Aiman A. Mazyek, blieb weitestgehend ungehört. Er hatte gesagt: „Ich habe gerne mit meiner Mutter in der Grundschulzeit mitgemacht. Viele muslimische Familien nehmen das gerne auf, und dieser Laternen- und Fackelzug ist für Kinder und Erwachsene natürlich auch ein Spektakel. Der Gedanke des Teilens spielt auch im Islam eine große Rolle.”

Die Autoren von Kommentaren a la “Ich bin ja kein Rassist, aber…” haben das längst nicht mehr mitbekommen. Bei der nächsten Debatte zum Thema Integration oder Islam werden sie stets den Vorwurf machen: “Uns wird doch hier auch St. Martin verboten.” Das lassen jedenfalls viele Kommentare erahnen. Exemplarisch dafür ein Kommentar auf der Facebookseite des Radiosenders News 89.4:

Kommentar NEWS89.4(4)

Die Zigeunersoße

Der mittlere Beitrag kommt so immer wieder vor. Er greift das angebliche Verbot der Zigeunersoße auf. Auch dabei handelt es sich um eine Zeitungsente, die sich bis heute gehalten hat. Richtig ist hier: Ein Sinti- und Roma-Verein aus Hannover hat Hersteller der Zigeunersoße in einem Brief gebeten (!), ihre Produkte umzubenennen. Mitgeliefert waren sogar sehr brauchbare Namensvorschläge. Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma hat daraufhin erklärt: “Ich wünsche mir, dass man sich um Dringenderes kümmert als um diese Frage. […] Wenn man Kritikfähigkeit entwickelt, kann man diesen Umgang mit Sprache tatsächlich erreichen. Deshalb haben wir auch niemals ein Verbot der Bezeichnung “Zigeuner” gefordert. Das wäre widersinnig.” Bis heute gibt es kein Verbot der Zigeunersoße. Dennoch schreiben bis heute alle davon.

Es gibt weitere klassische Gerüchte, von angeblich von Moslems ausgesprochenen Verboten, die sich in den sozialen Netzwerken halten und bei jeder neuen Falschmeldung wieder hervorgekramt werden. Hier einige weitere Beispiele:

Berlin schafft Weihnachten ab

Im obigen Beitrag schreibt der User auch in Berlin sei “Weihnachten abgeschafft worden”. Das ist natürlich wieder völliger Quatsch. Richtig ist hier: Es gab Gerüchte, nach denen im Berliner Stadtteil Kreuzberg ein Weihnachtsmarkt nur genehmigt worden sei, weil er – “politisch Korrekt” – in “Winterfest” umbenannt wurde. Was kaum einer weiß: Gleichzeitig kursierte das Gerücht, eine Ramadan-Feier sei von der selben zuständigen Stelle verboten worden. Für die Anti-Muslimische Empörung war das natürlich eher störend und wurde daher in den Medien oft weg gelassen. Wie im Fall “St. Martin” waren die Berichte in der Welt als die Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) in einer Pressemitteilung den Fall klar stellte. Zitat: “In Friedrichshain-Kreuzberg wurden und werden keine Feste wegen ihres religiösen Charakters untersagt oder benachteiligt.”

Solingen ohne christlichen Weihnachtsmarkt

Auch um den Weihnachtsmarkt in Solingen gibt es Gerüchte. Dort sollte angeblich aus Rücksicht vor Muslimen auf christliche Symbole in der Weihnachtsbeleuchtung verzichtet werden. Mal im Ernst: Auf welchem Weihnachtsmarkt gibt es einen Jesus, eine Krippe oder wenigstens ein Kreuz aus Glühbirnen? Zum Glück stellten Solinger Kirchenvertreter klar, was sich nun ändern werde: Nichts. Im Internet kursiert dennoch die Aussage, der Solinger Weihnachtsmarkt finde ohne christliche Symbole statt. Dabei ging es in der Debatte nur um die Weihnachtsbeleuchtung.

Brüssel schafft den Weihnachtsbaum ab

Da den christlichen Deutschen ihr Weihnachtsfest heilig ist, wird auch immer wieder auf einen Weihnachtsbaum in Brüssel verwiesen. Dort wurde statt eines echten Weihnachtsbaumes ein gläsernes grün beleuchtetes Kunstwerk in Tannenbaum-Form vor das Rathaus gestellt. Angeblich aus Angst vor Muslimen. Warum hätte man dann den echten Weihnachtsbaum durch einen Kunst-Tannenbaum ersetzen sollen? Logisch ist das nicht. Das muss es auch nicht. Hauptsache Muslime haben irgendwas verboten. Richtig ist hier: Die Stadt wollte einen neuen modernen Ansatzausprobieren. Die Geschichte hält sich trotzdem im Netz.

“Grüß Gott” ist verboten

Ebenso wie ein Kettenbrief der immer mal wieder bei Facebook auftaucht. Den hat angeblich eine junge aufgebrachte Lehrerin geschrieben, nachdem an ihrer Schule verboten wurde “Grüß Gott” zu sagen. Zitat:

Zu Schulbeginn wurden in Stuttgarter Schulen, die Kinder von ihren Klassenvorständen informiert, wie man sich in der Gesellschaft zu verhalten hätte. Grüßen, Bitte und Danke sagen, einfach höflich und freundlich sein. Soweit in Ordnung, aber des Weiteren wurde ihnen auch mitgeteilt, dass das uns in Baden Württemberg vertraute ‚Grüß Gott’ nicht mehr verwendet werden darf, da das die moslemischen Mitschüler beleidigen könnte.

Es folgt ein aufgebrachter Text, bei dem immer wieder ganze Wörter fett gedruckt sind. Etwa wenn es an Muslime gewandt heißt: “Ihr habt das RECHT Deutschland zu verlassen!” Oder: “Dies ist UNSER STAAT, UNSER LAND, und UNSERE LEBENSART.” Besonders schön: “Im Namen Gottes ist unser nationales Motto.” Man kann nur hoffen, dass der  Autor des Kettenbriefs nicht wirklich irgendwo Kinder erzieht. Und der Geschichte ist natürlich so viel dran, wie an allen anderen oben genannten: Nichts. Regina Ammicht Quinn, die Staatsrätin für interkulturellen und interreligiösen Dialog, stellte klar:

Dieses Mail ist schlicht eine Fälschung. Eine Anweisung gegen das ‚Grüß Gott’ ist in Baden-Württemberg undenkbar. Und es haben sich im übrigen auch nie Muslime darüber beschwert, dass im Namen Gottes gegrüßt wird.

Fazit: Vorsicht liebe Medien!

Weihnachten, Pommesbude, Gottesgruß und St. Martin ergeben zusammen ein rundes Bild. Es gibt die latente Sorge, dass Deutschland sich religiös verändert. Stark gläubige Christen gibt es immer weniger. Erst recht nicht unter Jugendlichen. Mit einer Ausnahme: Muslime. Viele sind religiöser erzogen, als christliche Kinder. Das wird zwangsläufig zu Veränderungen führen. Deutschland ist nämlich kein christliches Land, sondern ein Demokratisches, mit Religionsfreiheit. Dazu gehört, dass jeder seine Religion ausleben darf. Auch Muslime.

Deren Religion ist aber unbekannt. Und was der Bauer nicht kennt, das frisst er nicht. Die katholische Kirche ist zwar immer wieder negativ in den Medien, aber man weiß, dass von ihr keine Gefahr ausgeht. Bei Muslimen ist man sich da wohl noch nicht so sicher. Wahrscheinlich hat Viele vor allem der 11. September  verunsichert. Da sie den Islam nicht kennen, können sie auch den Unterschied zwischen Moslem und Islamist nicht abschätzen und werden alles in einen Topf.

In einer solchen Situation ist es fatal, wenn Medien unbesehen falsche Meldungen verbreiten, über angebliche Umbenennungen oder Verbote aus Rücksicht vor anderen Kulturen. Damit schüren sie die Angst vor Muslimen nämlich weiter. Und jede Zeitungsente befeuert die Vorurteile weiter. Wenn ein Fehler passiert, muss er wenigstens transparent korrigiert werden.

Die Taunus-Zeitung hat das bis heute nicht getan. Dafür aber einen Kommentargegen politische Korrektheit geschrieben. Überschrift: “Die spinnen die Deutschen”. Bei so viel Dreistigkeit fehlen einem die Worte. Vor allem wenn man weiß, dass der Martinsumzug (!) des betroffenen Kindergartens unter Polizeischutz durchgeführt werden musste.

2 Kommentare zu “ST. MARTIN, ZIGEUNERSCHNITZEL UND GRÜSS GOTT

  1. nudw.de, die Quelle des Artikels, ist komplett down. Wisst ihr warum? Die Links auf die Screenshots gehen deshalb auch nicht.

  2. Hey Oliver, der Server ist wohl ein kleine privater Server und deshlab schnell down. Danke für den Hinweis, sobald wie möglich, werde ich die Bilder auch hier rüber ziehen.

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